Das Generalsekretariat der Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) hat im Auftrag der Plenarversammlung eine rechtliche Auslegeordnung zum Thema «Schulpflicht» in der obligatorischen Schule vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie ausgearbeitet.

Die Auslegeordnung kommt zum Schluss, dass in der Schweiz das Recht bzw. der Anspruch auf ausreichenden Grundschulunterricht durch Art. 19 der Schweizerischen Bundesverfassung gewährleistet ist. Konkretisiert wird dieser in Art. 62 Absatz 2 BV, wonach die Kantone «für einen ausreichenden Grundschulunterricht, der allen Kindern offen steht» verantwortlich sind.

Der Anspruch bleibt auch während der Pandemie bestehen. Die Kantone haben jedoch gemäss Art. 5 der COVID-Verordnung 2 insofern mehr Spielraum, dass sie keinen Präsenzunterricht durchführen müssen, sondern zwischen folgenden Varianten wählen können:

  • Präsenzunterricht mit Schutzkonzept
  • Fernunterricht
  • Kombination der beiden Varianten

Wie sieht es aber in einer konkreten Situation aus, wenn Lernende in der Quarantäne sind und die zuständige Bildungsinstitution auf Präsenzunterricht resp. eine Kombination aus Präsenzunterricht mit Fernunterricht setzt?

In einer solchen Situation entfällt zwar die Pflicht am Präsenzunterricht teilzunehmen, die Schulpflicht bleibt aber bestehen, sofern die Schülerin/der Schüler nicht krankgeschrieben ist. Ähnlich gestaltet sich die Situation, wenn Lernende mit besonders gefährdeten Personen im gleichen Haushalt leben: Bei solchen Konstellationen gilt es im Einzelfall zu überprüfen, ob eine Speziallösung sinnvoll und gerechtfertigt ist.

Quarantäne und Speziallösungen dürften bei steigenden Fallzahlen im Herbst und im Winter zunehmen. Deshalb hat Eduport bei Kantonen nachgefragt, wie sie mit solchen Situationen umgehen und welche Erfahrungen aus dem Fernunterricht mitgenommen werden können.

Umsetzung in den Kantonen Luzern, Freiburg und der Westschweiz

Interviewpartner:

  • Katrin Birchler, stellvertretende Leiterin der Dienststelle für Volksschulbildung des Kantons Luzern
  • Hugo Stern, Dienstchef Amt für französischsprachigen obligatorischen Unterricht des Kantons Freiburg, Präsident der Volksschulämterkonferenz Romandie/Tessin

Wie sieht es in einer konkreten Situation aus, wenn Lernende in der Quarantäne sind: Besteht auf der Schulebene ein Konzept? Wenn ja, wie sieht es aus?

Katrin Birchler (K.B.): Ein «Konzept» besteht nicht, da es ja immer sehr abhängig ist, wieviele Lernende welcher Stufe und ob es Lehrpersonen betrifft. Befindet sich nur eine einzelne Schülerin oder ein einzelner Schüler in Quarantäne, wird sie analog anderer Absenzen vom Schulunterricht nach Möglichkeit mit dem entsprechenden Schulstoff versorgt. Je nach Stufe und Ausstattung mit Laptops ist auch ein sich Zuschalten in den Unterricht denkbar.

Hugo Stern (H.S.): Für den Kanton Freiburg definiert der Schutzkonzept genau, was auf der Gesundheitsebene (Punkt 7) und auf der Verwaltungsebene (Punkt 12) zu tun ist. Auf pädagogischer Ebene haben sich die kantonalen Bildungsdienste für die folgende Linie entschieden:

  • Für Lernende in Quarantäne nach der Rückkehr aus den Ferien im Ausland: kein Fernunterricht, sondern Bereitstellung von Dokumenten und Aufgaben, wie sie auch bei erkrankten Schülern oder Schülerinnen zur Verfügung gestellt werden.
  • Für Lenrende, die sich während des Schuljahres in Quarantäne befinden: nicht unbedingt Fernunterricht mit x Stunden Unterricht pro Tag (Woche), aber zumindest Bereitstellung von Dokumenten, Erläuterung der auszuführenden Aufgaben und Nachbereitung, gemäss den Vorgaben der jeweiligen Schulleitung.
  • Besonders gefährdete Lernende, die für längere Zeit abwesend sind, profitieren vom Fernunterricht nach den Vorgaben, die von der jeweiligen Schulleitung entsprechend den kantonalen Rahmenbedingungen festgelegt werden.

Darüber hinaus stellt der Kanton das Tool Microsoft 365 zur Verfügung, das ab November für Schülerinnen und Schüler von 5 bis 11 Uhr verfügbar sein wird. Voraussetzung für diesen Einsatz ist jedoch, dass im Unterricht Kurse zur digialen Mündigkeit (Prävention) absolviert werden. Die Primarschulen haben bis Ende April Zeit, dies zu tun und Microsoft 365 einzusetzen. Diese Verzögerung hängt damit zusammen, dass die Instiutionen einen Ausbildungskurs absolvieren müssen und dass die Ausbilder ihre Ausbildung selbst erst im September erhalten.
Auf der Ebene der Volksschulämterkonferenz Romandie/Tessin (CIIP) ist der Austausch und die starke französischsprachige Koordination zu erwähnen, die für die Bewältigung dieser Gesundheitskrise und die zu ergreifenden Massnahmen stattfindet. Zudem wurdenvon den französischsprachigen Kantonen kantonale Schutzkonzepte entwickelte , die die Massnahmen in Bezug auf die verschiedenen Szenarien/Situationen beschreiben. Das Institut de recherche et de documentation pédagogique (IRDP) hat eine Übersicht über den Beginn des neuen Schuljahres in der Westschweiz und im Tessin erstellt.

Gab es Fälle, in denen Sie dieses Konzept anwenden mussten? Welcher Erfahrungen haben Sie damit gemacht?

K.B.: Nein

H.S.: Am Tag nach Beginn des Schuljahres gibt es, abgesehen von einigen Schülern und Schülerinnen in Quarantäne, nichts Besonderes zu berichten. Das Konzept wird in allen Schulen des Kantons Freiburg angewendet.

Konnten aus dem Fernunterricht Erfahrungen/Lehren gezogen werden, die sich jetzt als hilfreich erweisen?

K.B.: Da wir noch kaum Quarantänefälle hatten, kann noch nicht gesagt werden, ob sich die Erfahrungen aus dem Fernunterricht als hilfreich erweisen. Eine allgemeine Erfahrung aus dem Fernunterricht ist jedoch sicher, dass der geübte Umgang mit Laptops und den entsprechenden Tools und Programmen auf beiden Seiten, Lernender und Lehrpersonen, für den (Fern)Unterricht hilfreich sind. Wir haben im Kanton Luzern eine Umfrage zum Fernunterricht auf allen Schulstufen gemacht, deren Ergebnisse ca. Mitte Oktober 2020 veröffentlicht werden.

H.S.: Was den Kanton Freiburg betrifft:

  • In Kanton Freiburg geben 3/4 der Lehrerinnen und Lehrer an, in dieser besonderen Zeit neue Fähigkeiten entwickelt zu haben, insbesondere im Hinblick auf die Integration neuer Technologien.
  • Der Bedarf an berufsbegleitender Weiterbildung bei der Integration neuer Technologien wird von den Lehrpersonen selbst explizit genannt. Es gibt auch Ausbildungskurse über didaktisches Design, einschliesslich der Reflexion und Ausbildung zu innovative Formen der Pädagogik und der stärkeren Einbeziehung der Studierenden in ihr Lernen, die den Lehrpersonen angeboten werden sollen.
  • Die Partnerschaft zwischen Schule und Familie hat sich weiterentwickelt.
  • Die Erfahrung zeigt, dass die Qualität der IT-Infastruktur und die Verfügbarkeit von Computer-Hardware für Lernende und Lehrpersonen verbessert werden muss, um einen qualitativ hochwertigen Fernunterricht zu gewährleisten, falls erneut ein Verbot des Präsenzunterrichts verhängt werden sollte.
  • Die Erfahrung zeigt, dass die Qualität der pädagogischen Beziehung zwischen der Lehrperson und seinen Lernenden ein entscheidender Faktor für die Einbeziehung der Lernenden und die Qualität der Beziehungen zwischen Schule und Familie ist, insbesondere bei Lernende mit besonderen Bedürfnissen. Auch soziale Bindungen zwischen den Lernenden erweisen sich als ein entscheidender Faktor für die schulische Motivation.
  • Die Erfahrungen aus dieser Zeit unterstreichen die Bedeutung einer qualitativ hochwertigen Kommunikation auf allen Ebenen des Systems.

Auf der Ebene der Volksschulämterkonferenz Romandie/Tessin werden innerhalb der Kantone Untersuchungen durchgeführt, um die besten Lehren für die Zukunft zu ziehen.