Für all jene Studierenden, die schon lange die Präsenzpflicht in der Lehrerausbildung möglichst abschaffen wollten, herrschen zurzeit paradiesische Verhältnisse: Orts- und zeitunabhängig studieren, ist grad sehr angesagt. Keine lästigen Stundenpläne und Anwesenheitspflicht. Wer damit umgehen kann, der hat es gut. Da gilt aber nicht für alle. Die Studentin Anna schreibt: «Ja ich habe mich die ersten drei Wochen ziemlich gut zurechtgefunden. Leider fängt es langsam an schwieriger zu werden, denn die intrinsische Motivation nimmt stetig ab. Ich bin jemand, der eine Dozentin benötigt, welche mir hilft den Sachverhalt verständlich zu machen.» Das wiederum sind gute Nachrichten für alle Dozentinnen und Dozenten, die befürchteten, dass die Studierenden sich an den Fernunterricht gewöhnen könnten und lieber auf sie verzichten würden. Wie Anna geht es wohl vielen anderen. Sie erfahren, dass allein Lernen mit der Zeit schwierig wird. Eigentlich ist das keine Überraschung. Platon bis Piaget über Vygotsky, Aebli, Bandura und Mead, Buber und Rogoff, Tomasello und andere zeigen auf unterschiedlichste Arten: Lernen ist ein kooperativer, ko-konstruktiver Prozess zwischen Menschen.

Annas Reaktion weist auf ein gut bekanntes Phänomen hin: Mit der kontinuierlichen Entwicklung von Netzwerk- und Multimediatechnologie wurde die Netzwerkumgebung, die Dozierende und Studierende unterstützt, erheblich verbessert. Die beste Technologie allein fördert aber nicht das vertiefte und wirksame Lernen. Der aufgezeichnete Vortrag der Dozentin oder eine vertonte PowerPoint Präsentation kombiniert mit Leseaufträgen und schriftlichen Leistungsnachweisen, genügen nicht. Wenn es dabei bleiben würde, so würde Online-Lernen zu einer grossen Ressourcenverschwendung. Zwar können sich die Studierenden auch auf diese Weise spezifische Informationen aneignen, es reicht aber normalerweise nicht aus, um komplexere Konzepte zu durchdringen und auf konkrete Problemstellungen anzuwenden.

Im traditionellen Unterricht werden Fächer in Modulen isoliert voneinander behandelt, die Themen didaktisiert und in Teile zerlegt. Die Studierenden brauchen die Dozierenden, die ihnen helfen, die Teile zu einem sinnvollen Ganzen zusammenzusetzen oder eben «den Sachverhalt verständlich zu machen». Das fragmentierte Wissen würde es erfordern, dass die Lernenden in der Lage sind, ihre eigenen Wissenssysteme und persönlichen Wissensnetzwerke zu organisieren. Mit wenig Vorwissen und ohne geeignete Metastrategien geht es den meisten wie Anna: Sie verlieren die Lernmotivation und wünschen sich die Führung durch die Dozentin oder den Dozenten. Gleichzeitig fühlen sich die meisten Studierenden allein vor dem Computer einsam und frustriert. Es fehlt der Austausch nicht nur mit den Lehrenden, sondern auch mit den Peers. Es gibt nicht genügend Interaktion oder unterstützende Rahmenbedingungen, die auf die Länge eine engagierte Teilnahme am Online-Unterricht unterstützt. Das wiederum führt zu oberflächlichem Lernen.

Wegen der Abstandsregeln wird das räumliche Fassungsvermögen der Pädagogischen Hochschulen auf längere Zeit hinaus reduziert sein. Unter den Dozierenden sind Angehörige von sogenannten Risikogruppen. Es werden also Lehr- und Lernformen entwickelt werden, die Präsenz und Online-Lernen verbinden und die Steuerung der Lernprozesse neu konfiguriert. Kurz: Es wird auf «Blended-Learning» umgestellt werden müssen. Anders als im traditionellen Unterricht wird die Choreografie des Unterrichts in der Co-Präsenz der Dozentin und Studierenden reduziert werden müssen. Zwangsläufig wird sich dabei die Rolle der Dozierenden verändern. Die Studierenden werden ihr Lernen künftig selbständiger organisieren müssen. Dazu braucht es entsprechende didaktische Settings, die tiefes Verstehen beim Blended-Learning anregen. Ein wichtiges Element ist dabei das Peer-Learning in professionellen Lerngemeinschaften und Wissensnetzwerken. Das sind attraktive, gut erforschte, aber auch anspruchsvolle Modelle, die Studierende und Dozierende analog und digital im Modus «Blended-Collaboration» einüben sollten. Sie bauen damit fast nebenbei überfachliche Kompetenzen auf, die auch unter «4K» oder «21st Century Skills» oder «Schlüsselkompetenzen» bekannt sind. Das sind Bereiche, die namentlich für die Lehrperson und Schülerinnen und Schüler des 21. Jahrhunderts unabdingbar sind: (1) Denkweisen: Kreativität, kritisches Denken, Problemlösung, Entscheidungsfindung, Lernen und Innovation (2) Arbeitsweisen: Kommunikation und Zusammenarbeit (3) Arbeitsmittel: Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) und Informationskompetenz (4) Leben in der Welt: Bürgerschaft, Leben und Karriere sowie persönliche und soziale Verantwortung.