Wer hätte das gedacht: Ein Virus zwingt die Menschheit in die Knie! Radikale Einschränkungen werden von den Regierungen verordnet und das Leben wird auf Knopfdruck verändert. Präsenzunterricht wird geschlossen und die Schulen aller Stufen sind herausgefordert, ihren Bildungsauftrag im Remotemodus wahrzunehmen. In einer ersten Phase ging es hauptsächlich um technische Möglichkeiten zu identifizieren und umzusetzen bzw. bestehende Lösungen einzusetzen. Ohne Vorbereitungszeit, ohne Konzeptgrundlagen soll Unterricht in Distanz gehalten werden. Raum und Zeit erhält eine neue Dimension: Unterricht findet nicht mehr in den vertrauten Schulzimmern statt und der hochrhythmisierte Stundenplan wird durch die persönliche Lerntaktung ersetzt.

Der abrupte Wechsel zog fliessend eine zweite Phase mit sich: Die Rollen von Schülerinnen und Schülern, Lehrpersonen und Eltern erhielten eine veränderte Profilierung: Die Selbstverantwortung und -organisation der Schülerinnen und Schüler gewannen an Bedeutung, Eltern sahen sich mit Teilaufgaben einer Lehrperson konfrontiert, Lehrpersonen haben einen Teil ihrer didaktisch-methodischen Möglichkeiten verloren.

Inzwischen sind sieben Wochen ins Land gezogen, Frühlingsferien inklusive. In seiner 13ten Medienkonferenz mit Livestream seit dem 13. März hat der Bundesrat die schrittweise Lockerung der Pandemie-Massnahmen bestätigt. Ab 11. Mai wird der Präsenzunterricht wieder erlaubt sein.

Was bedeutet das nun für die Bildung? Geht es darum, die Pandemie auszustehen und baldmöglichst auf den gewohnten Betrieb zu schalten? Oder überprüfen wir den Bildungsauftrag, dessen nachhaltige Umsetzung in einer veränderten Welt?

Der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx schlägt mit seiner «Corona-Rückwärts-Prognose» eine Übung vor, mit der nicht in die Zukunft geschaut wird, sondern von der Zukunft aus zurück ins Heute. Er nennt diese Technik Re-Gnose. Im Gegensatz zur Pro-Gnose.

Springen wir also nach vorne ins Zeitfenster März 2021 - ein Jahr nach der Corona-Pandemie. Worüber werden wir uns rückblickend wundern? Was hat sich verändert? Was ist konstant geblieben? Als Experte einer Begleitgruppe konnte ich 2017 das Mittelschul- und Berufsbildungsamt des Kantons Zürich in der Entwicklung von Thesen zum digitalen Wandel von Schulen unterstützen. Viele Aussagen sehe ich rückblickend auf die Coronakrise bestätigt. Lassen wir diese Übung für die Bildung, die Schule, den Unterricht und das Lernen und Lehren durchspielen.

Bildungssystem

Die Akteure im föderalen Bildungssystem haben im eng getakteten Rhythmus und meistens im Videokonferenz-Modus die aktuelle Situation analysiert und die gemeinsamen Aufgaben definiert. Das Krisenmanagement fand eine gute Balance im Spannungsfeld zwischen der föderalen Umsetzungsverantwortung und der nationalen Bildungssystemverantwortung. Rückblickend fand die Zusammenarbeit der Akteure im Bildungssystem gefestigt und dynamisch statt. Die Erkenntnis erfährt breite Zustimmung, dass die Bewältigung von komplexen Herausforderungen mit erhöhter Geschwindigkeit zunehmend auch mit zusätzlichen Videokonferenzen geführt werden kann.

Die Erfahrungen mit Fernunterricht, Lernen und Lehren auf Distanz setzt eine minimale Infrastruktur voraus. Viele Initiativen von Firmen und Stiftungen haben mit zusätzlichen Mittel die schulische IT-Infrastruktur unterstützt. Mehrheitlich hat sich die IT-Ausstattung in den Schulen verbessert. Genaue Zahlen fehlen jedoch immer noch. Diese ungenügende Datenlage weist auf den Bedarf eines Digi-Monitorings hin.

Der vertraute Rahmen des Präsenzunterrichts fehlte im Distanzlernen. Neue Regeln und angepasste Dialogformen mussten schrittweise über Erfahrung im digitalen Raum aufgebaut werden. Für das Bildungssystem ist die Konstruktion des digitalen Bildungsraum als Vertrauensraum unbestritten. Die Umsetzung der schweizweiten Föderation der digitalen Identitäten wird beschleunigt. Die Coronakrise hat auch gezeigt, dass nicht die Vielfalt von Angeboten und Dienstleistungen zentral ist, sondern deren qualitative und rechtliche Beurteilung.

Schule

Die Bereitschaft von Schulleitenden und Behörden ist gestiegen, Schulen vom formalen Lernort zu agilen Zentren des Lernens, des Austauschs, der Sozialisation und des Gestaltens zu entwickeln. Informationen sind während der Coronakrise hauptsächlich digital und in der «Wolke» zur Verfügung gestanden. Das konnte auch mit verschiedenen Plattformen und Dienstleistungen sichergestellt werden. Das Lernen bleibt jedoch ein soziales, emotionales und intrinsisch motiviertes Ereignis. Die Schule bietet daher Möglichkeiten für sozialen Austausch und kollaboratives Erarbeiten von Wissen. Sie ist aber vor allem auch ein Sozialisationsort in einer Welt, in der reale und virtuelle Lernsituationen parallel laufen.

Das formale, non-formale und informelle Lernen verschmelzen und zielen auf ein lebenslanges Lernen ab. So werden die Aufgaben der Institution Schule fokussiert: Die Schule wird zum Garant von Qualität von Bildung und von Qualifikationsverfahren. Sie entwickelt sich zum «analogen» und «digitalen» Lernraum, der einerseits den persönlichen und virtuellen Austausch unter allen Anspruchsgruppen ermöglicht und andererseits als Wissens- und Kompetenzzentrum für Bildung auftritt.

Dies erweitert auch das Potenzial der Chancengleichheit. Die angebotenen Dienstleistungen können von lebenslangen Bildungsberatungen über bildungsstrategische Steuerung bis hin zur Bereitstellung von Infrastruktur und Expertennetzwerken reichen. Der Kulturwandel in der digitalen Transformation ist dabei einer der grössten Herausforderungen.

Unterricht

Die Rolle der Lehrperson entwickelt sich weiter in Richtung Lernbegleitung, Lernförderung und vielleicht sogar Lernkuratorium-Aufgaben. Angesichts der zunehmenden Heterogenität der Lernenden (z. B. Herkunft, Alter, Religion, Ethnie, Persönlichkeit) und den verschiedenen Voraussetzungen, die sie mitbringen (z. B. Bildungsniveau, Trainingsmotivation, Erwartungen, Einstellungen, Lerngewohnheiten) wird sich die Rolle und das Selbstverständnis der Lehrperson weiter wandeln.

Die grosse Vielfalt, die steigende Komplexität sowie die Tatsache, dass «reines Wissen» immer und überall abrufbar ist, verlangen individuelles, methodisch vielfältiges und mobiles Lehren und Lernen. Lehrarbeit wird stärker zu Beziehungsarbeit und der Umgang mit Wissen wird anspruchsvoller. Lehrpersonen werden stetig neues Wissen erwerben müssen, um diesen Herausforderungen nachzukommen.

Die Erfahrungen des Fernunterrichts führen zunehmend zu einer Renaissance einer «digitalen» Reformpädagogik. Lernvideos unterstützen individuelles Lernen unabhängig von Raum und Zeit.

Lernen und Lehren

Selbstgesteuertes und selbstverantwortliches Lernen ist eine zentrale Voraussetzung dafür, dass wir in Zukunft den immer schneller wechselnden und komplexen Anforderungen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft gerecht werden. Somit werden in Zukunft, parallel zur Fachlichkeit, Kompetenzen und Fähigkeiten entscheidend sein, die eine Person befähigen, sich schnell und agil mit neuen Gegebenheiten auseinanderzusetzen, mit der grossen Datenmenge umzugehen und sich ständig selbstgesteuert und selbstverantwortlich weiterzuentwickeln.

Unsicherheit wird als Chance der Entwicklung wahrgenommen. Nebst dem Fachwissen werden komplementäre Kompetenzen zu den «Maschinen», wie Kreativität, kritisches Denken, Erfindungsgeist oder Empathie, Kommunikation und Kollaboration, an Bedeutung zunehmen. Individualisierte Lernformen setzen Lehrpersonen voraus, die in der Lage sind, ihre Schülerinnen und Schüler in die diesen Lernformen inhärenten Freiheiten zu leiten. Damit wird der Lernort «Schule» nicht überflüssig, sondern gewinnt als Ort gemeinsamen Lernens, Erfahrens und Reflektierens an Bedeutung.

Die modernen Kommunikationsmittel lassen neue Formen der Gemeinschaft, des Zusammenarbeitens, Lernens und Arbeitens entstehen und ergänzen so die analogen Kommunikationsmöglichkeiten. Nicht nur die Komplexität der Interaktion nimmt zu, sondern auch diejenige der zu lösenden Aufgaben. Zunehmend lassen sich diese Aufgaben nur in vernetzter und lernortunabhängiger Arbeitsform lösen. Also keine reine instruktivistische Videokonferenz mit einer Lehrperson, sondern Aufgabenstellungen und Projektarbeiten in Lernnetzwerken. Dies bedingt wiederum Kompetenzen, Netzwerke zu kreieren, zu unterhalten und möglichst effizient und effektiv zu nutzen.

Fazit

Wir haben die Coronakrise bestmöglich gemeistert. Gleichzeitig müssen wir akzeptieren, dass die komplexe VUCA-Welt (Vulnerabilität, Unsicherheit, Komplexität, Ambiguität, siehe Literaturverzeichnis) uns immer auch Ungewissheit und Unsicherheit bescheren wird. Entscheidend ist, dass wir solche künftigen Herausforderungen dynamisch und agil angehen.Eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg gemeinsamen und vernetzten Handelns ist das gemeinsame und vernetzte Gestalten der digitalen und komplexen Transformationsprozesse.

Alle Akteure, von der politisch-strategischen Steuerungsebene (Makrobene: Bund und Kanton) über die operative Leitungsebene (Mesoebene: Schulführung) bis zur Mikroebene (Lehrpersonen, Lernende, Techniker, Administration) tragen zum Gelingen bei. Sie schaffen Transparenz, Sicherheit und Verlässlichkeit fürs Lernen und Lehren in der digitalen Welt. Zu den grössten Herausforderungen zählen Nutzung, Schutz und Sicherheit der Daten und die damit einhergehende Systemtransparenz. Alle Anspruchsgruppen sollen sich in der virtuellen Welt genauso sicher bewegen können wie in der realen und in der Lage sein, selbstbestimmt ihr berufliches und privates Leben zu führen.

Die Digitalisierung verändert unser Wirken, unsere Bedürfnisse und unseren Bedarf. Es braucht angepasste und innovative Lehr- und Lernformen, um diese stetig wandelnden und disruptiven gesellschaftlichen Prozesse zu gestalten. Daher wird das Entwickeln von innovativen Lehr- und Lernformen für die sich immer stetig und schneller wandelnden Bedürfnisse von Gesellschaft und Wirtschaft eine wichtige Aufgabe für die Pädagogischen Hochschulen und für die Akteure in der Praxis sein.

Es gibt kein Zurück, nutzen wir die Erfahrungen der Corona-Pandemie für eine nachhaltige und verantwortungsvolle Bildungsarbeit aller Akteure im Bildungswesen.