Von «Staubsauger-Targeting» war kürzlich in einer Diskussion zur digitalen Ethik die Rede. Was muss man sich darunter vorstellen? Und wo steckt das Problem?

Antwort: Wenn wir auf der Suche nach einem Staubsauger sind, stört es uns nicht, wenn wir Onlinewerbung für Staubsauger angezeigt erhalten. Das ist effizient und geschieht meistens über sogenannte Cookies, die Daten über unser Surfverhalten sammeln. So wissen Unternehmen, was uns interessiert, und zeigen uns entsprechende Werbung an.

Problematisch ist es dann, wenn Menschen absichtlich von bestimmten Angeboten ausgeschlossen werden, zum Beispiel indem aufgrund des Alters nicht mehr alle Stelleninserate angezeigt werden. Besonders bedenklich ist, wenn wir aufgrund unserer Datenspur unterschiedliche Informationen erhalten, zum Beispiel wenn es um politische Werbung oder wichtige News während der Corona-Krise geht. Im Extremfall lebt dann jede Person in einer eigenen Welt, was das friedliche Zusammenleben erschwert und zur Polarisierung in einer demokratischen Gesellschaft beiträgt.

In der gleichen Diskussionsrunde hat ein Teilnehmer quasi vom Staubsauger auf sich selber geschlossen: Mit all den Daten werde er als Konsument selber zum Produkt. Was erwarten Sie von der Bildung, um die jungen Menschen auf den Markt mit Daten vorzubereiten?

Die Bildung kann sicher zu einer Versachlichung der Diskussion beitragen, indem junge Menschen die Mechanismen der unterschiedlichen datenbasierten Geschäftsmodelle verstehen. Und es braucht ein Basiswissen, wie datenbasierte Technologien wie Künstliche Intelligenz funktionieren. Denn auch wenn junge Menschen mit digitalen Tools aufgewachsen sind, bedeutet das noch nicht, dass sie die kommerziellen Absichten der Anbieter erkennen und wissen, was es an Alternativen gibt.

Natürlich sind Daten und neue Technologien nicht nur schlecht. Sie helfen uns zum Beispiel, uns mit anderen Menschen zu vernetzen, Wissen zu teilen und spannende Informationen zeitversetzt zu konsumieren, oder auch selber zu produzieren. Deshalb sind Kreativität und kritisches Denken so wichtig. In der Bildung können wir Freiräume schaffen, um nachzudenken, Neues auszuprobieren und sich den eigenen Werten bewusst zu sein. Denn die Zukunft wird noch vielfältiger. Das Spektrum der Möglichkeiten ist immens!

Wenn Sie dereinst mit Zwanzigjährigen diskutieren werden, die heute die Primarschule besuchen: Woran werden Sie erkennen, ob Ihre Gegenüber digital mündig sind?

Lehrerinnen und Lehrer sind da bestimmt näher dran als ich es bin. Schlussendlich geht es um Mündigkeit, denn die digitale und die analoge Welt lassen sich immer weniger trennen. Die grösste Herausforderung sehe ich übrigens nicht bei den Zwanzigjährigen, sondern bei ihren Eltern und bei unserem Bildungssystem. Schaffen wir es, wichtige Kompetenzen und neue Themen genügend schnell in den Unterricht einzubauen? Können wir den Unterricht so gestalten, dass er der Lebenswelt der heutigen Primarschülerinnen und Primarschüler wirklich entspricht? Lernen sollte ja praxisrelevant sein und auch Spass machen.

Und gesellschaftlich ganz wichtig: Wie gelingt es uns, für mehr Chancengleichheit zu sorgen, so dass alle ihr individuelles Potenzial möglichst gut entfalten können? Die Corona-Krise hat eindrücklich gezeigt, dass Lehrpersonen wichtige Bezugspersonen für Kinder- und Jugendliche sind und so das familiäre Umfeld ergänzen. Das dürfte angesichts der digitalen Transformation, mit der nicht alle Eltern gleich gut klarkommen, noch wichtiger werden.