Teilnehmende an der Befragung:

  • Beat Affentranger (Lehrperson Kantonsschule Alpenquai Luzern, ICT-Koordinator, kantonale Arbeitsgruppe Digitales Prüfen)
  • Andrea Iseli (Rektorin Gymnasium Interlaken)
  • Franz Eberle (Prof. em. Universität Zürich, Mitglied Schweizerische Maturitätskommission)
  • François Piccand (Vorsteher Amt für Unterricht der Sekundarstufe 2 Kanton Freiburg)

Welche Beobachtungen zu digitalen/online-Prüfformen haben Sie gemacht?

Beat Affentranger: Prüfungen waren bei uns in den ersten Wochen des Lockdowns nur bei den Abschlussklassen erlaubt. Das wohl häufigste Prüfungsszenario in dieser Phase war die 1:1 Videoschaltung mit «geteiltem» Bildschirm. Seit Mai werden summative Prüfungen auch bei den übrigen Klassen durchgeführt, wobei die Methodenvielfalt nun deutlich grösser ist als zu Beginn.

Andrea Iseli: Das GymInterlaken konnte während der Schulschliessung den Stundenplan einhalten, da die Schule seit mehreren Jahren auf BYOD umgestellt hat. Zudem konnten wir auf die Erfahrungen einer Schule mit mehreren Standorten (Interlaken, Gstaad) zurückgreifen, so beispielsweise im koordinierten Einsatz digitaler Hilfsmittel. Die Frage des digitalen Prüfens haben wir als Schule auch schon vor der ausserordentlichen Lage diskutiert. Ich habe als Rektorin keine Veränderungen im Bereich «digitales Prüfen» festgestellt. Wir stehen hier immer noch am selben Punkt: Es bestehen keine vollständig befriedigenden Lösungen.

Franz Eberle: Ich selbst habe mündliche Abschlussprüfungen auf Stufe Hochschule online durchgeführt. Das hat grundsätzlich ebenso gut funktioniert wie im physischen Raum. Bezüglich nicht kontrollierbarem möglichem Fehlverhalten blieben bei mir nur ganz kleine Restzweifel. In einer nächsten Prüfung würde ich noch weitere Vorkehrungen treffen. Erwähnenswert ist auch der Vorteil bezüglich Einsparung von finanziellen (keine Transportkosten) und zeitlichen Ressourcen (kein Arbeitsweg der Prüfenden).

François Piccand: Im Kanton Freiburg konnten einige summative Evaluationen (mündliche Prüfungen, schriftliche Arbeiten, die zu Hause zu erledigen waren) noch während des Fernstudiums stattfinden, aber ihre Zahl war begrenzt. Es hat sich gezeigt, dass es durchaus möglich ist, qualitativ hochwertige mündliche Prüfungen per Videokonferenz zu organisieren. Schriftliche Prüfungen in digitaler Form beschränkten sich auf ihre formative Funktion. Neben der klassischen schriftlichen Arbeit (Probeprüfungen) wurden die Möglichkeiten der zur Verfügung gestellten Plattformen genutzt, insbesondere Microsoft 365 Forms oder Moodle-Tools. Es ist klar, dass die Beurteilung eine wichtige Rolle für die Art und Weise spielt, wie die Schülerinnen und Schüler lernen, ihre Motivation beeinflusst und den Lehrkräften die notwendige Anleitung zur Anpassung ihrer Strategien gibt.

Werden digitale Prüfformen im regulären Bildungsbetrieb verstärkt Einzug halten?

Beat Affentranger: Das sichere Durchführen von konventionellen, schriftlichen Prüfungen mit Computern ist im Fernunterricht ein Ding der Unmöglichkeit, es sei denn, man hat die Ressourcen parallel dazu eine Videoüberwachung sicherzustellen. Im Lockdown war Innovation gefragt, und die ist gekommen. Ja, es gibt Alternativen, die auch im regulären Bildungsbetrieb taugen, sehr gut sogar. Schülerinnen und Schüler können ihr Wissen und Können beispielsweise auch in einem Videoclip oder Tondokument unter Beweis stellen.

Andrea Iseli: Neue Prüfformen werden schulintern und mit kantonalen Gremien diskutiert. Am Anfang dieser Diskussion muss immer die Frage stehen, was geprüft werden soll: Geht es um die «Eigenproduktion», um «handwerkliche Fertigkeiten» (bspw. Rechtschreibung), um Teamfähigkeit? Die fehlende «Rechtssicherheit» (Rekursfestigkeit) setzt bislang Grenzen, insbesondere mit Blick auf die abschliessenden mündlichen und schriftlichen Maturaprüfungen. Je nach Entscheid zum Inhalt der Kompetenzüberprüfung kann sich das Repertoire um digitale Prüfformen zielführend erweitern. Die Erfahrungen am GymInterlaken haben uns gezeigt, dass dies auch stark fächerspezifisch angegangen werden muss.

Franz Eberle: Ich bin überzeugt, dass sich die Notwendigkeit von social distancing immer wieder ergeben wird und damit auch jene von Online-Fernprüfungen. Ausserhalb von solchen Sondersituationen sehe ich aber keinen Vorteil von Fernprüfungen am Gymnasium. Hingegen sollten die bereits vor der Covid-19-Zeit laufenden Bestrebungen zu Prüfungen am Computer im Klassenzimmer weitergeführt werden.

François Piccand: Es ist noch zu früh, um endgültige Lehren aus dieser Erfahrung zu ziehen. Es stimmt, dass jeder bestrebt ist, zur gewohnten Umgebung zurückzukehren, denn im Klassenzimmer ist es viel einfacher, den persönlichen Kontakt herzustellen, der für eine qualitativ hochwertige Unterrichtsbeziehung unerlässlich ist. Die Schuldirektoren stellen fest, dass diese Zeit des Fernunterrichts einen echten Sprung nach vorn in der Nutzung digitaler Instrumente im Unterricht gebracht hat, dass nun aber der Schwerpunkt auf die Didaktik gelegt werden muss, um den größtmöglichen Nutzen aus den digitalen Werkzeugen zu ziehen. Es ist klar, dass die Evaluation/das Prüfen in digitaler Form, insbesondere die formative, aber auch die summative, ein Feld für zukünftige Entwicklungen ist.

Was sollte im Bereich der Qualifikationsverfahren/Prüfformen aus der Fernunterrichtszeit unbedingt verstetigt werden? Welche offenen Fragen müssen noch vertieft bearbeitet werden?

Beat Affentranger: Was wir mitnehmen sollten, ist die grössere Methodenvielfalt unter Einbezug moderner Hilfsmittel. Unterschiedliche Methoden oder Aufgabenstellungen prüfen immer auch unterschiedliche Kompetenzen und Fähigkeiten, das kann motivierend sein. Akzentuiert durch den Fernunterricht aber nicht gelöst wurde die Frage, ob oder in welchem Ausmass die Schülerinnen und Schüler in Prüfungssituationen auch Zugang zu Ressourcen auf dem Web haben sollten oder müssen. Aus rein technischer Sicht sind solche Szenarien heute kein Problem mehr.

Andrea Iseli: In der Zeit des intensiven Fernunterrichts haben viele Lehrpersonen Bestätigung in ihren eigenen Fähigkeiten und der ihrer Schülerinnen und Schüler gefunden: Wir waren flexibel und verloren das Bildungsziel nicht aus den Augen. In der Schule haben Themen wie das gemeinsame Prüfen, die Weiterentwickeln des SOL (Selbst Organisiertes Lernen) und die konstruktive Auseinandersetzung mit der Frage, welche Kompetenzen im Gymnasium entwickelt und geprüft werden sollen, einen weiteren Schub erfahren. Diese Themen werden uns auf Ebene Schule und beispielsweise in den Diskussionen mit der kantonalen Maturitätskommission sicher weiter beschäftigen. Die Weiterentwicklung der Lehr-Lern-Setting – mit oder ohne digitale Hilfsmittel – sind eines der zentralen Elemente der Schulentwicklung.

Franz Eberle: Prüfungen am Computer ermöglichen die multimediale Anreicherung und die automatisierte Korrektur von Aufgaben sowie die teststatistische Evaluation der Prüfungen selbst. Das kann die Qualität des Prüfens beträchtlich erhöhen. Im Bereich von fürs Gymnasium wichtigen anspruchsvollen offenen Aufgaben besteht aber noch viel Entwicklungsbedarf.

François Piccand: Die Frage der Prüfform (digital oder analog) sollte meines Erachtens nicht zu den Themen gehören, die im Rahmen des Projekts zur Entwicklung der gymnasialen Maturität zu behandeln sind, da eine interkantonale Harmonisierung in diesem Punkt nicht notwendig ist, um die Vergleichbarkeit der von den Kantonen ausgestellten Zeugnisse zu gewährleisten.

Schlussfolgerung (aus Sicht des ZEM CES)

  1. Es besteht Konsens darüber, dass digitales (Fern-)Prüfen für den gymnasialen Weg interessante und sinnvolle Ansätze zur Ergänzung des Repertoires der Prüfformen anbietet. Dabei bleibt die zentrale Frage – sowohl beim digitalen Prüfen als auch bei anderen Prüfformen – welche Kompetenzen geprüft werden sollen.
  2. Die Frage des digitalen (Fern-)Prüfens kann nicht in einer isolierten «Teilarena» der gymnasialen Bildungswelt (bspw. als Individualentscheide der Lehrpersonen) diskutiert und über deren Verbreitung entschieden werden. Der gymnasiale Weg muss auch in dieser Frage als «Gesamtarena» verstanden werden. Gerade während der ausserordentlichen Lage hat sich das Spannungsfeld zwischen Schülerinnen und Schülern, Lehrperson, Schulinstitution, kantonalem Bildungsraum und Zugehörigkeit zum nationalen Bildungsraum in vielen Aspekten manifestiert. In dieser anspruchsvollen «Architektur» stecken zwar die bekannten «Hürden» eines föderalen Mehrebenensystems, aber eben auch die Stärken in Form einer Kompetenzvielfalt, die es zu nutzen gilt.
  3. Die Weiterentwicklung des gymnasialen Wegs und dessen Prüfformen bietet eine gute Chance zur Verständigung über und schliesslich zur Erreichung von mehr Verbindlichkeit und Vergleichbarkeit. Zielführend ist es in dieser Frage, die unterschiedlichen Kompetenzen des mehrschichtigen Systems «Gymnasium» zu vernetzen: (fach-)didaktisches Knowhow, organisatorische und kulturelle Kompetenzen mit Systemwissen und Knowhow in den Bereichen Rechts-, Finanzierungs- und Chancengerechtigkeit.
  4. Das gemeinsame Prüfen, verstanden als einer der Kernprozesse der Verständigung innerhalb von Fachschaften und Fachvereinen, innerhalb von Schulen und als Teil eines durchlässigen und kohärenten Bildungssystems, kann unter Mitnahme der Erfahrungen aus der ausserordentlichen Lage und den steten Entwicklungen der «Bildung im digitalen Wandel» wertvolle Beiträge leisten auf dem Weg zu mehr Verbindlichkeit und Vergleichbarkeit.