Frage: Im Vorgespräch zu diesem Interview haben Sie «Blitzlichter» erwähnt, die Sie aus Ihrer Warte wahrnehmen. Was waren Ihre prägenden Beobachtungen am Firmament der PH-Landschaft?

Antwort: Mit den Massnahmen des Bundesrates im Zusammenhang mit der COVID-19-Pandemie haben sich die Rahmenbedingungen für Lehre und Forschung an den Pädagogischen Hochschulen (PH) grundlegend verändert. Die PH waren gefordert, von einem Tag auf den andern auf verschiedenen Ebenen neue Lösungen zu finden. Ich nahm und nehme an den PH ein grosses Verantwortungsbewusstsein, ein enormes Engagement und viel Kreativität von Mitarbeitenden in verschiedensten Funktionen wahr, neue Lösungen zu entwickeln und diese laufend der sich verändernden Situation anzupassen. Im Zentrum steht dabei das Ziel, neue Wege zu finden, sodass die Studierenden und Weiterbildungsteilnehmenden – von denen übrigens auch viel Offenheit und Flexibilität verlangt wurde – ihre Aus- und Weiterbildungen möglichst ohne Benachteiligungen weiterführen oder abschliessen können. Weiter müssen die PH Rahmenbedingungen schaffen, die es den eigenen Mitarbeitenden erlauben, angesichts der neuen Situation ihre Aufgaben in gleichbleibender Qualität erfüllen zu können und dabei gesund zu bleiben. Schliesslich beobachte ich, dass das Bedürfnis nach Erkenntnissen aus der Forschung zu bestimmten Themen wie etwa dem Einsatz von neuen Technologien, der Chancengleichheit und der Inklusion zugenommen hat und dass Forschende aus den PH die entsprechenden Fragen aktiv aufgreifen.

Die Medienscheinwerfer galten in den letzten Wochen sehr stark der Volksschule. Die tertiäre Bildung war aber sicher nicht minder gefordert. Welches waren die grossen Herausforderungen?

Die unmittelbar erste Herausforderung bestand sicher darin, den ganzen Präsenzunterricht von einem Tag auf den andern auf Fernunterricht umzustellen. Sogleich stellten sich grosse Fragen im Zusammenhang mit Praktika: Rund ein Viertel des Studiums beispielsweise der Primarstufe besteht in berufspraktischen Studien. Da die Volksschulen geschlossen waren, konnten die Studierenden ihre Praktika nicht in der geplanten Form absolvieren. Die PH entwickelten deshalb Kompensationsformen, in denen die Studierenden die entsprechenden Kompetenzen erwerben können. Eine weitere grosse Herausforderung waren und sind die Prüfungen, mit denen die Studierenden ihre Lehrveranstaltungen abschliessen, sowie die Bachelor- und Masterprüfungen. Für sie mussten innerhalb kürzester Zeit neue, praktikable Formen gefunden werden. Auch die Fremdsprachenaufenthalte oder Mobilitätsaufenthalte waren plötzlich nicht mehr in der geplanten Form möglich.

Viele Forschende waren etwa für Datenerhebungen wegen den Schulschliessungen blockiert oder in ihren Forschungsarbeiten aus anderen Gründen behindert. Gleichzeitig ergeben sich durch die neue Situation aber auch eine Vielzahl an neuen spannenden Forschungsfragen, die zur Entwicklung neuer Projekte geführt haben.

Die PH als Betriebe waren – wie viele andere Betriebe auch – mit der Situation konfrontiert, dass plötzlich alle Mitarbeitenden im Homeoffice arbeiteten, was Anforderungen an die technische Infrastruktur mit sich brachte, personalpolitische Fragen aufwarf und neue Formen der Führung und der Betriebskultur erforderte. Die PH waren und sind gefordert, mit coronabedingten psychischen Belastungen oder finanziellen Notlagen von Studierenden und Mitarbeitenden einen adäquaten Umgang zu finden.

Weiter stellen sich den PH finanzielle Fragen, die sich aus krisenbedingten Mehrkosten und Mindereinnahmen zum Beispiel wegen Zusatzaufwendungen durch die Neuausrichtung von Lehre und Forschung und einbrechende Zahl an Weiterbildungsteilnehmenden ergeben.

Derzeit arbeiten die PH intensiv an der Vorbereitung der Phase des Übergangs vom Lockdown in die Zeit danach. Es werden Schutzkonzepte verfasst und neue Konzepte für die Lehre entwickelt. Eine grosse Herausforderung besteht dabei darin, dass die Planung von vielen Unsicherheiten begleitet ist. In Zukunft gilt es auch, Massnahmen, die in den letzten Wochen kurzfristig getroffen wurden, zu reflektieren und beispielsweise wissenschaftlich fundierte Konzepte für die Kombination von Präsenz- und Fernstudium auf der Basis der gemachten Erfahrungen zu entwickeln. Idealerweise führen die digitalen Lehr- und Lernformate dazu, dass sowohl das individualisierte als auch das soziale Lernen gefördert werden.

Ich nehme bei vielen Mitarbeitenden von PH eine grosse Bereitschaft und auch Freude wahr, sich diesen Herausforderungen zu stellen. Das gemeinsame Bewältigen dieser Krise dürfte für viele auch eine positive Erfahrung sein.

PH-Studierende und Lehrpersonen in Weiterbildungen bringen ein Riesenspektrum an Vorkenntnissen, Erfahrungen und Präferenzen in jede PH. Was können die einzelnen Institutionen zur Orientierung im digitalen Lern- und Lehrdschungel beitragen?

Die PH haben den Anspruch, dass Studierende und Weiterbildungsteilnehmende jene Kompetenzen erwerben, die es ihnen ermöglichen, die jeweils neuesten technologischen Entwicklungen in ihrem Berufsalltag professionell und wirkungsvoll einzusetzen. Dabei steht das Ziel im Vordergrund, Schülerinnen und Schüler in ihrer Entwicklung zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern zu unterstützen. Meiner Ansicht nach ist es aber nicht die primäre Aufgabe der PH, den Studierenden und Weiterbildungsteilnehmenden angesichts der aktuellen Situation einen abschliessenden Überblick über den digitalen Lern- und Lehrdschungel im technischen Sinne zu geben. Vielmehr können und sollen sich Studierende und Weiterbildungsteilnehmende an den PH – vor dem Hintergrund all dessen, was sie als Vorkenntnisse und Erfahrungen mitbringen – mit Prinzipien des Lernens und Lehrens auseinandersetzen, die grundsätzlich unabhängig von Technologien gelten, deren Anwendung sich jedoch dank neuer Technologien verändert. Es ist zu bedenken, dass der Lehrberuf ein Beziehungsberuf par excellence ist, zu dem auch unter den Bedingungen des digitalen Wandels notwendigerweise eine Ausbildung führt, die auf persönlichen Begegnungen beruht.

«Beschleunigung des digitalen Wandels» liest und hört man allenthalben. Wie nehmen die PHs die Erfahrungen aus dem Corona-Frühling in ihre Aus- und Weiterbildungsprogramme auf?

Die PH beschäftigten sich schon vor der Coronakrise intensiv mit der Frage, wie der digitale Wandel das Lernen und Lehren, die Schule und Bildung im Allgemeinen verändert. Die PH steckten also schon vorher Mitten in der digitalen Transformation. Die coronabedingte Situation hat ihr aber auf jeden Fall einen immensen Schub verliehen. Sie hat Dinge möglich gemacht, die zuvor nicht möglich waren, und hat den Mitarbeitenden der PH auch die Freiheit gegeben, neue Dinge auszuprobieren. Ich habe den Eindruck, dass die Krise Digitalisierungsskeptikerinnen und –skeptiker gezwungen hat, über ihren Schatten zu springen. Digitalisierungseuphorikerinnen und –euphoriker hingegen dürften sich bewusst geworden sein, wo der Nutzen des Einsatzes von digitalen Technologien seine Grenzen hat.

Konkret dürften die Erfahrungen aus dem Corona-Frühling dazu führen, dass Aus- und Weiterbildungsangebote hybrider werden als vor der Krise und dass die Nachfrage nach Weiterbildungsangeboten im Zusammenhang mit neuen Technologien steigt. Was die Forschung anbelangt, werden neue Forschungsfragen virulent, die bearbeitet werden sollten und deren Ergebnisse die PH und das Bildungssystem insgesamt weiterbringen werden. Letztlich hat der Coronaschock in verstärktem Masse die Frage aufgeworfen, was eine PH in einer digitalisierten Welt ausmacht.

Die Vorhersagen zur «neuen Normalität» nach der Pandemie treiben bunte Blüten. Worauf müssen die Verantwortlichen von Bildungseinrichtungen Ihrer Meinung nach Wert legen?

Die «neue Normalität» dürfte geprägt sein durch die Notwendigkeit, weiterhin mit grosser Flexibilität auf die sich verändernden Begebenheiten zu reagieren. Bildungsinstitutionen sollten dabei meines Erachtens ihren pädagogischen Auftrag über alles stellen und dürfen ihre Verantwortung als Orte der gesellschaftlichen Integration nicht aus den Augen verlieren, d. h. sie müssen dem Primat der Chancengerechtigkeit und der Inklusion eine grosse Bedeutung beimessen.