Wie hat die «Web2-Unterricht»-Community vor Corona den digitalen Wandel auf der Sekundarstufe II erlebt?

Unterschiedlich, einige Lehrpersonen setzten sich ganz bewusst mit der Digitalisierung in der Schule und im eigenen Unterricht auseinander. Diese Gruppe gehörte dann auch zur treuen Leserschaft unseres Blogs. Der digitale Wandel in den Schulen verlief vor der Corona-Zeit schleppend. Die Lehrerpersonen waren in unversöhnliche Lager gespalten. Diese Problematik hat sich nach den Erfahrungen im Fernunterricht entschärft.

Welches waren die dringendsten Fragen und Probleme während der Corona-Zeit für die Lehrpersonen? Wie konnte die Community (sich selber) helfen?

Die monatlichen Zugriffe auf unser Blog lagen vor der Corona-Krise bei etwa 11'000. Ab Mitte März schnellten die Zahlen auf über 50'000. In der ersten Phase beschäftigten wir Lehrpersonen uns vor allem damit, wie wir Fernunterricht organisieren konnten und welche Tools dazu geeignet waren. Die zentralen Fragen waren, wie man die Schulwochen organisiert, wie man Aufgaben erteilt, wie man Videokonferenzen durchführt, wie man MS Teams und OneNote sinnvoll einsetzt. In der zweiten Phase suchten wir nach Möglichkeiten, wie wir unseren Fernunterricht bereichern konnten, insbesondere, wie wir Abwechslung in den Unterricht bringen und wie wir mit den Schülerinnen und Schülern kommunizieren konnten. Am meisten beschäftigte uns in dieser Phase aber, wie wir den Kontakt zu den Lernenden behalten und wie wir ihr Befinden und ihren Lernfortschritt beobachten können. In der dritten Phase war das Prüfen ein sehr grosses Anliegen und der Übergang in den Normalunterricht. Es zeigte sich, dass die Umstellung auf Fernunterricht reibungsloser verlief bei Schulen, die schon vorher Schwerpunkte auf die Digitalisierung gesetzt und breit abgestützte Weiterbildungen organisiert hatten.

Welche Bedürfnisse erkennen Sie bei Mittelschullehrpersonen?

Wir Lehrpersonen hätten gerne klare Richtlinien seitens der Schulleitung, welche Tools für den Fernunterricht verwendet werden sollen. Es hat sich gezeigt, dass es zwar hunderte von digitalen Werkzeugen gibt, die man im Unterricht einsetzen könnte; viele davon halten aber nicht einmal die minimalen Datenschutz-Standards ein. Die Schulleitungen sollten mutiger sein und von den Lehrpersonen Anwenderkompetenzen im Umgang mit digitalen Tools einfordern. Dazu braucht es einen professionellen technischen Support mit entsprechenden Weiterbildungsangeboten. Für den sinnvollen Einsatz von Werkzeugen ist zudem ein pädagogischer Support an den Schulen notwendig. Das Argument der Methodenfreiheit wird ad absurdum geführt, wenn Lehrpersonen heute nicht über die Methoden der Digitalisierung verfügen und somit gar keine Wahl haben.

Auf welche Bedürfnisse sollen die Behörden für die Zeit nach dem Lockdown den Fokus richten und aktiv werden?

Der Fernunterricht muss jetzt systematisch evaluiert werden und wir müssen uns überlegen, was wir übernehmen können. Nach dem Lockdown haben wir Erfahrungen gesammelt, wie digitale Mittel gewinnbringend eingesetzt werden. Wenn wir das Beste aus dem Fernunterricht und das Beste aus dem Direktunterricht kombinieren, entwickeln wir Blended Learning Szenarien.

Die Behörden sollten Rahmenbedingungen schaffen, um die Schule neu zu denken und weiterzuentwickeln. Die Lernenden müssen dabei in die Schulentwicklung einbezogen werden. Wir brauchen Vorgaben und Strukturen, die Veränderungen ermöglichen. Die Schule ist reformbedürftig in Bezug auf Selektion, in Bezug auf Lerninhalte und Lehrpläne, in Bezug auf die Rollen der Lehrenden und Lernenden. Das Lernen sollte wichtiger werden als die Inhalte. Die Behörden müssen Rahmenbedingungen schaffen für eine verbindliche Vernetzung der Lehrpersonen. Immer mehr in den Fokus rücken auch agile Methoden. Die Behörden müssen Kompetenzen für Lehrpersonen definieren und diese bei Neuanstellungen einfordern. Die Behörden sollen Einfluss nehmen bei der Neuausrichtung der Lehrerausbildung und die ständige Weiterbildung der Lehrerpersonen im Bereich digitaler Kompetenzen sicherstellen. Die Digitalisierung sollte nicht mehr im Fokus stehen, sondern selbstverständlich werden.

Als Folge des Lockdowns und des Fernunterrichts haben viele Lernende realisiert, dass sie selbst für ihren Lernfortschritt verantwortlich sind. Wir sollten also eine Schule schaffen, in der die Lernenden die Verantwortung für ihr Lernen selbst übernehmen und nicht mehr nur durch Klausur- und Notendruck von der Schule getrieben werden. Dazu gehört auch eine Weiterentwicklung der Prüfformen, z. B. mit Portfolios, Präsentationen oder Produkten. Auch die Maturaprüfungen gehören dazu.

Bewährt haben sich in der Corona-Zeit Projektunterricht, Aufgaben mit viel Freiheiten bei der Umsetzung, produkteorientierte Arbeitsaufträge, kooperatives Lernen. Sobald die Lernenden mit Lernprodukten den Unterricht beeinflussen können, entwickeln sie spannende Ideen und sind bereit, mehr Zeit zu investieren, als eigentlich verlangt ist. Bei einer Aufgabe im Deutschunterricht, das Magische Theater von Hermann Hesses Roman «Der Steppenwolf» - ganz gleich in welcher Form - zu visualisieren wurden Texte, WhatsApp-Chats, Zeichnungen, Memes, Legofilme und Kurzfilme vorgestellt. Wenn sich die Lernenden als Mitproduzenten des Unterrichts verstehen, bringen sie sich engagiert und kreativ ein!

Zudem gilt es auch, die Lernorte zu überdenken. Ist es immer noch sinnvoll, Unterricht in kleinen, abgeschotteten Räumen durchzuführen? Würden offene Arbeitsorte nicht zu mehr Inspiration und Austausch führen?